der menschenfeind

plakat menschenfeind

nach molière und hans magnus enzensberger

pausengespräch der schickeria: "die dingsda geht mit sowieso!" "das sieht ihr ähnlich, wo er locker ihr vater sein könnte!" "die schärfe der inszenierung, einfach genial!" "gequirlter dramaturgenmüll für blutleere germanisten!" erfunden fürs theater? keineswegs!

schon vor 350 jahren hat j. b. molière in seiner komödie "der menschenfeind" genau dasselbe bild der lächerlichkeit gezeichnet und hat die prachtexemplare dieser spezies gleich reihenweise auf den seziertisch der bühnenbretter gelegt. damals wie heute sind die zutaten die gleichen: klatsch, intrigen, neid, snobismus, ellenbogen. die zeiten ändern sich keineswegs! denn die "middle class" ist sich auf niederschmetternde art treu geblieben.

in das prachtexemplar der schickeria hat sich der junge, gutaussehendet und stinkreiche erfolgsautor alceste verknallt, der berüchtigt ist für seine schonungslos kritik an der gesellschaft. ein feind der diplomatie! wie passt das zusammen? wie schafft es alceste, sich so bedingungslos im netz der célimène zu verfangen, diese femme fatale zu lieben, die mit allen und jedem kann und das genaue gegenteil von ihm ist? ausgerechnet er, der jeden kompromiss verflucht, verzeiht diesem "fratz" alle ihre fehler. und doch braucht er die menschen als projektionsfläche seines hasses, denn: "nix feind, nix ehr!!!"

genau hier beginnt die quadratur des kreises, hier liegt ebenso die wurzel der komödie wie der tragödie. wie immer bei molière ist beides vorhanden: tragische komödie oder komische tragödie. und weil humor der bessere lehrmeister ist, hat er die ausweglose situation in beißenden spott verpackt, bei dem jeder sein "fett weg kriegt". im speichertheater der musik- und kunstschule hat man sich auf diese molièresche gratwanderung eingelassen.

in einer inszenierung von bernhard wendel spielen anja und esther armbrust, immo gärtner, sirrah heilig, felicia lindemann, jana mayer, melanie müller, ignaz rutter und marcel sorg.

premiere am 22. november 2002