krach in chioggia

komödie von carlo goldoni

wie auf ein geheimes zeichen bricht schlag 17.00 uhr in dem ansonsten sehr beschaulichen städtchen am südzipfel der venezianischen lagune die hölle los: ein gerenne und gewusel, ein rufen, lachen und krakeelen tritt in scharfe konkurrenz mit dem heißeren gekrächze der alles vollkackenden möven (hitchcock läßt grüßen!). wir sind in chioggia (sprich: kiotscha), dem schauplatz einer der derbsten komödien des herrn goldoni, seines zeichens venezianer, von beruf rechtspfleger (mutter hat es so gewollt!), später autor, komiker und schauspieler (so kann's kommen!) und in frühen jahren nach chioggia straf(?)-versetzt in das kleine fischerstädtchen, um dort f�r recht und ordnung zu sorgen (wer's kann). mit sicherheit kein leichtes unterfangen, selbst wenn man davon ausgehen muß, daß sich die heutigen chiozoter frauen nur halb so wild gebärden wie damals vor 200 jahren. zur verteidigung der damenwelt sei angeführt, daß zu goldonis zeiten auf einen mann 5,74 frauen kamen. ein veritabler männermangel also war (ist?) dafür verantwortlich, daß immerfort blut floß!

jawohl, so war das!! gute freundinnen lagen sich wegen irgend so eines dahergelaufenen dorfdeppen in den haaren, was wiederum dazu führte, daß typen, nach denen sonst keine henne krähen würde, mit gockelhaft geschwellter brust sich für sonst was hielten.

verkehrte welt. manch graue maus kam somit zur überzeugung, doch ein kapitaler platzhirsch zu sein (wer's braucht). tja, damals.

und heute?

nicht viel anders! chioggia, um den minireisebericht abzurunden, ist weitgehend vom teutonischen belagerungstourismus verschont. man hat ihn kurzerhand auf die festlandzunge verbannt, wodurch sich das dorf der fischweiber und platzhirsche sehr seine ursprünglichkeit bewahrt hat. die frauen belagern heute noch die männer - und umgekehrt! -, am tollsten dann, wenn sie altersmäßig ihren zenit schon lange überschritten haben, mit derben späßchen und zotigen sprüchen. exakt von 17.00 uhr bis 19.00 uhr. dann sind wieder, wie mit einem schlag, alle straßencafés leer, das leben wird bis 21.00 uhr in die häuser und küchen verlagert. zusammen mit der typisch südländischen ger&auuml;uschkulisse, wobei die ganze nachbarschaft an den erziehungsmaßnahmen der kinder teilhaben kann, ob sie will oder nicht. und das ganze mit stimmen, deren liebreiz stark an ein allmorgendliches gurgeln mit reißnägeln erinnert.

überhaupt sind die chiozoten ein sehr eigenes völkchen: unglaublich laut (das ständige rauschen vom meer und das kreischen der möven), emsig wie die bienen, aber von stoischer ruhe, wenn es um ein schwätzchen geht, von enormer häßlichkeit (leonardo da vincis studien über groteske köpfe wohnen scheinbar alle in chioggia), einem kleinen glas wein zu keiner tageszeit abgeneigt, von mediterraner gelassenheit, aber auch in nullkommanix auf 180. der fischereihafen prägt den tagesrhythmus, die speisekarte und vor allem das aroma der luft: fisch auf allen plätzen und gassen, in allen winkeln und ecken, zu jeder tages- und nachtzeit, bei den katzen und bei den möven... sogar die pasta schmeckt so, wie die luft riecht - lecker!

aber heute wie damals zu goldonis zeiten ist das verhältnis zwischen frauen und männern von einer stichelnden aber liebenswürdigen, manchmal auch beißenden ironie gekennzeichnet, wobei immer klar ist, wer die hosen anhat: natürlich die frauen... aus solchem stoff sind komödien gebaut, weil nichts grotesker ist als das leben selbst. und als signore carlo goldoni in diesem städtchen eine art hilfsrichter spielen mußte, waren die vorgaben einfach zu gut, um nicht eine komödie daraus zu schreiben. er konnte nämlich bei seiner arbeit in die abgründe südländischer hitzköpfigkeit schauen, vor allem dann, wenn sich zwei junge dinger wegen nichts und wieder nichts in die wolle bekamen.

daß das eine nichts gianbattista (kurz: titta) hieß und das andere nichts zufälligerweise carlo, tut dabei nichts zur sache. daß dieser carlo bei der alles entscheidenden gerichtsverhandlung (dem klassischen showdown) aber auf sonderbare weise gewisse ähnlichkeiten mit dem signore richter hat, irritiert dann doch ein wenig. zugegeben: er hat dem lauf der dinge einfach ein klitzekleines bißchen auf die sprünge ge- und seiner angebeteten zu künftigem glück verholfen. wer weiß, vielleicht sogar sich selbst?

aber mit dem glück ist das sowieso so 'ne sache, und wem dabei die chiozoter frauenwelt vor augen schwebt, wird unschwer erkennen können, daß der autor dieses artikels zum männlichen teil der menschheit zählt. dieser urkampf transportiert sich denn auch folgerichtig bis in die proben zu goldonis krach in chioggia, wenn fünf halbwüchsige mädels gegen zwei ausgewachsene regisseure und drei (ob der weiblichen übermacht) durchaus eingeschüchterte "fastmänner" loslegen, nur weil ein vermeintlicher "frauenfeindlicher" subtext verwendet wurde. lächerlich!

so wiederholt sich dann bei den proben "in echt", was später gespielt auf der bühne landen wird. ein hartes stück arbeit, das aber immer noch irren spaß macht.

besetzung: anja armbrust, janett baumann, andre kistner, felicia lindemann, luisa machauer, melanie müller, ignaz rutter, niklas weber

regie: bernhard wendel

premiere am 12. november 1999